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Hardy Prothmann |
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Journalist |
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Lokal
Süddeutsche Zeitung 11.9.2008 30 Minuten zum Glück Von Hardy Prothmann Was Stadtverwaltungen und Regierungspräsidien preisen, ist noch längst nicht in der Bevölkerung angekommen: die Metropolregion Rhein-Neckar. Wieso auch? Die Menschen hier kommen von der Bergstraße, von der Haardt, der Weinstraße oder aus der Pfalz. Oder aus Orten wie Heidelberg, Weinheim, Ladenburg oder auf der linken Rheinseite Speyer, Frankenthal, Worms – worauf man auch Wert legt. Und was man am Dialekt hören kann, den auch junge Leute hier bewusst pflegen. Aber niemand kommt vom Neckar oder vom Rhein. Der Kabarettist und Mundart-Dichter Christian Habekost, der seit langem in der Region ein Kultstar ist, spottet über die Metropol-Region: „Des is die Region, wo die Pole än Ausweis fer die Metro kriege.“ Der Witz hat Geschichte: Polen waren über Jahrzehnte die wichtigsten Erntehelfer im zweitgrößten Weinanbaugebiet und mit 500.000 Tonnen größter Frühkartoffeln-Erzeuger Deutschlands. Andererseits war die Region lange von den Franzosen besetzt, was im Dialekt mit Ausdrücken wie „Schäslong“ (chaiselong, Sofa), Trottwa“ (Trottoir), „Portmonä“ (Portemonnaie) oder „isch fühl misch malad“ (malade, krank) erhalten ist. Das typischste Wort ist der Abschiedsgruß „alla“ (allez, gehen wir), den wirklich fast alle in der Region verwenden. Und die Franzosen hat man ja schließlich auch willkommen geheißen, das zeige, wie weltoffen man hier ist, meint Habekost. Man hat also mit Fremden so seine Erfahrung und passt sich an. Es gibt viel Brauchtum, aber kein krachledernes. Die Menschen hier gelten als offen und gesellig, aber auch direkt und zuweilen stur. Die Heimatverbundenheit der Pfälzer ist geradezu sprichwörtlich. Und die Gemütlichkeit. Die allerdings findet sich auch bei Kurpfälzern und Südhessen. Geselligkeit wird hier gelebt – auch von den Zugereisten. Was die Menschen dieser Region aber auf das Herzhafteste verbindet, ist die Liebe zum guten Essen und guten Wein. Vorzugsweise auf einem Fest, noch besser einem Weinfest. Und die Gastronomie ist hervorragend, vielleicht, weil es eine große Konkurrenz gibt und weltbekannte Namen wie der Deidesheimer Hof wirken. Längst ist nicht mehr alles auf der Speisekarte deftig, sondern häufig leicht und mediterran. Aber es gibt zuhauf große und kleine Feste, wo „Lewwerknepp mit Sauerkraut“ (Leberknödel) und „Gequellde mit Quark“ (Kartoffeln) die einzigen Hauptspeisen sind. Wie die Pfälzer ticken, lässt sich gut am bekanntesten Gericht der Region erklären, dem Saumagen. Wer auf die Idee kam, Fleisch, Kartoffeln, Zwiebeln und Gewürze in einen Saumagen zu stecken, ist nicht überliefert. Die einen sagen, dass sei ein arme-Leute-Essen gewesen, bei dem Reste verwertet wurden. Andere behaupten, es sei die Krönung eines jeden Schlachtfestes gewesen -nur allerbeste Zutaten. Patrioten erklären das Lieblingsgericht des Altkanzlers und Pfälzer Helmut Kohl als eine Art zivilen Widerstand: Als die Franzosen als Besatzer die Region beherrschten, steckten die Pfälzer ihr bestes Fleisch in den Saumagen. Das Kalkül: Vor lauter Ekel würde kein französischer Soldat den Saumagen konfiszieren, nicht ahnend, dass sich darin eine nahrhafte und köstliche Spezialität verbirgt. Ist ja auch richtig lecker. Und richtig nett sind aktuell im September und Oktober die vielen Weinfeste, vor allem in der Pfalz. Im Mai ist allerdings das kurpfälzische Schwetzingen die Hauptstadt der Region, von hier kommt der beste Spargel. Und an der Bergstraße genießt man zu „Handkäs mit Musigg“ einen „Äppler“ (Apfelwein). Trotzdem gibt es gravierende Unterschiede. Gerade beim Weinkonsum. Bis heute werden für die „pälzer Woischorle“ etwa vier Fünftel trockener Riesling und ein Fünftel Wasser gemischt. Nicht etwa, weil man besonders spendabel ist, sondern laut Geschichte musste der überschüssige Wein weg und das Mineralwasser mussten die Winzer teuer dazukaufen. Getrunken wird am liebsten aus einem „Dubbeglas“ (Tupfenglas). Die Kurpfälzer tranken früher eher „ä Verdele“, also 0,25 Liter puren Wein. Zwischen einer Pfälzer „Woischorle“ und einem „Verdele“ liegen Lebenswelten. Ähnlich dem Essen. Der Saumagen machte Karriere, der „Kochkäs mit panierdem Schnidzel“ hingegen noch nicht. Was alle Menschen hier schätzen, sind die vielfältigen Freizeitmöglichkeiten. Herrlichste Touren für Spaziergänger jeden Alters, Mountainbike, Motorrad oder Auto durch den Pfälzer Wald. Zwischen Weinreben spazieren oder von der Heidelberger Schlossruine mit Wetterglück einen romantischen Blick über die Rheinebene genießen. Die zahlreichen Badeseen sind im Sommer ebenso gut besucht, wie das Neckarufer in Heidelberg. In 30 Minuten erreicht man vom kurpfälzischen Heidelberg aus das Städtchen Bad Dürkheim und ist inmitten der Deutschen Weinstraße oder fährt vom pfälzischen Landau nach Mannheim zum Shoppen. Die Flüsse Rhein und Neckar, die der Region ihren Namen geben, trennten allerdings die Region mehr, als sie sie vereinten. Zumindest für die Einheimischen war es noch vor zwanzig Jahren nicht selbstverständlich, aus der Kurpfalz über den Rhein in die Pfalz zu fahren und umgekehrt. Heute ist das anders. Die ganze Region ist viel in Bewegung, die kurzen Wege und die außerordentlich gute Verkehrsinfrastruktur machen es möglich. Die ICEs nach Stuttgart und Frankfurt sind in Mannheim früh zwischen 6 Uhr und 9 Uhr „gestoppte voll“. Aber gerade im September und Oktober ist die ganze Region am Wochenende noch ein wenig mehr auf den Beinen, schließlich lockt das größte Weinfest der Welt, der Wurstmarkt in Bad Dürkheim und dutzende von Weinfesten oder Festivals in den malerischen Dörfern wie Deidesheim, Friesenheim oder dem mittelalterlichen Ladenburg. Man lebt hier viel draußen - mehr als 1800 Sonnenstunden machen die Pfalz zur wärmsten Region Deutschlands. Hier wachsen Feigen, Mandeln, Melonen, Zitronen, Kakteen, selbst Kiwi und sogar Bananen. Und wenn es noch im Herbst überall blüht und duftet, hört man immer wieder den Seufzer: „Guggemol, die Blimmelscher. Is des net schä?“ (Schau mal die Blumen, sind die nicht schön?)
Ludwigshafen Erdogan ruft zur Versöhnung auf Vier Tage nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen besucht der türkische Ministerpräsident Erdogan den Unglücksort. Inmitten von Trauer und Wut brandet plötzlich Jubel auf. Von FOCUS-Online-Autor Hardy Prothmann „Unsere Mitbürger sind
Botschafter einer Zivilisation des Friedens.“ Mit teils frenetischem
Applaus begrüßen 2000 Türken am Ort der Brandkatastrophe in
Ludwigshafen am Donnerstag die Rede des türkischen Ministerpräsidenten.
Recep Tayyip Erdogan versichert den Familien seine tiefe Trauer über den
„fürchterlichen Vorfall“. Gleichzeitig bedankte er sich bei den
deutschen Behörden für den Einsatz und die geretteten Hausbewohner.
Allerdings betonte Erdogan, dass er davon ausgehe, dass die Ursachen für
den Brand sorgfältig und schnell untersucht werden. An die türkischen
und deutschen Medien richtete er den dringenden Appell „nichts zu
schreiben, was den Frieden zerstören könnte“.
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