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Hardy Prothmann |
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Journalist |
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Irak
Krieg 2003
erschienen in CUT 4/5 2003 Krieg
der Eitelkeiten Die ARD berichtet
eigentlich nur zufällig aus Bagdad – glücklicherweise mit einem der
zurzeit besten Reporter am Ort. Der aber wurde monatelang verhindert. Von
Hardy Prothmann Die ARD hat ein großes
Problem – und das ist sie selbst. Der föderale Aufbau der
Arbeitsgemeinschaft hat eine kaderartige Wagenburgmentalität herausgebildet.
Das zeigt sich vor allem im Krisenfall: Der innerhalb der ARD für den Irak
zuständige Südwestrundfunk verteidigte im Vorfeld des Krieges sein
Berichtsgebiet. Er sorgte dafür, dass eine freie Journalistin, die für den
WDR ein Fernsehfeature über den Alltag im Irak drehen sollte, zwei Mal
umkehren musste (siehe CUT 2+3 / 2003). Die Begründung damals: der
Irak lasse immer nur ein Team pro Sender ins Land. Die ARD-Kollegen gefährdeten
deshalb den Aufenthalt des fest bestallten Korrespondenten Jörg Armbruster.
Einen Monat später flog SWR-Auslandschef und Kriegskoordinator Immo Vogel mit
drei weiteren Mitarbeitern nach Bagdad, um zusammen mit Jörg Armbruster von
dort den Weltspiegel zu produzieren. Während der SWR in
dieser Zeit wie ein Zerberus alle Korrespondenten und Mitarbeiter anderer
Anstalten wegbiss, die sich offiziell anboten, in den Irak zu reisen, machten
sich klammheimlich zwei Teams mit Wissen des Mitteldeutschen Rundfunks auf die
Reise: Sie produzierten die Filme Die
Kinder von Bagdad und Bagdad im
Schatten des Krieges – Unzensierte Beobachtungen im Irak, die
investigativ und hochspannend andere als die bekannten Bilder zeigen. Der mdr behauptete
geschickt, man habe keinen Auftrag erteilt, aber da das Material nun da sei, könne
man es auch senden. Vom mdr hört man, dass der inzwischen viel gelobte Film Die
Kinder von Bagdad*
(Uwe Sauermann und Karl Höffkes) auch dem SWR angeboten
werden sollte. Dort aber interessierte sich niemand dafür:
„Faschingsbedingt war dort niemand zu erreichen.“ Platzhirsche. Christoph Maria
Fröhder,
der schon beim ersten Golfkrieg vom WDR gegen den damaligen SDR durchgesetzt
werden musste, bot wochenlang bei den Chefredakteuren der großen Anstalten
seine Dienste an, um noch vor dem Kriegsausbruch in den Irak zu dürfen. Als
klar war, dass der fest angestellte Korrespondent Armbruster im Kriegsfall das
Land verlassen würde, was eine zu respektierende Entscheidung ist, nahm der
SWR in Ermangelung eines Ersatzes an. Abreisen durfte Fröhder
freilich erst, als Jörg Armbruster
(Beitrag Nr. 5) bereits auf dem Rückflug war. Christoph
Maria Fröhder reist auf eigene Gefahr – die allerdings wird durch das
Platzhirschverhalten verstärkt, weil ihm so jede Möglichkeit der
Vorbereitung am Ort genommen wurde. In der Zwischenzeit hatte sich der wenige
Tage zuvor auf eigene Faust in Bagdad gelandete Stephan Kloss
(Beitrag Nr. 2) der ARD als
Aufsager angeboten und angesichts der Konkurrenzsituation –
ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner und seine RTL-Kollegin Antonia Rados sind in
Bagdad geblieben –, wurde man schnell handelseinig. „Keine
nennenswerte Kenntnis des Landes“ Immo Vogel sagte danach,
Kloss sei ein vernünftiger und bedächtiger Journalist: „Der Mann weiß,
was er tut und riskiert nicht Kopf und Kragen.“ Direkt mit ihm reden darf
man allerdings nicht, er müsse „geschützt“ werden. Angeblich macht er
seit elf Jahren Reportagen für den mdr. Aber weder mdr, noch SWR, noch sonst
wer in der ARD kann eine dieser Reportagen finden oder auch nur eine Redaktion
nennen, für die Stephan Kloss zuvor regelmäßig als Reporter gearbeitet hat.
In seinem offiziellen Lebenslauf sind Einsätze in Afghanistan, Somalia und
Kongo vermerkt. Ein Kollege, der ihn im
Flugzeug nach Amman getroffen hat, war erstaunt von seinem Vorhaben, aus dem
Irak berichten zu wollen. Stephan Kloss brachte seiner Einschätzung nach
„keine nennenswerte Kenntnis des Landes“ mit. Arbeitsteilung. Als Christoph Maria Fröhder
als ARD-Korrespondent in Bagdad eintraf, gab es Irritationen, weil dort ein
anderer diesen Titel allein für sich proklamierte. Die ARD erklärte dann,
dass Stephan Kloss für die aktuelle Berichterstattung zuständig sei und Fröhder
für die „filmische Bearbeitung“ des Krieges. Faktisch heißt das: der
eine steht mit Knopf im Ohr vor dem Hotel und spekuliert über Ereignisse, die
anderswo stattfanden; der andere versucht, zu den Orten des Geschehens
(Beitrag Nr. 5) zu
gelangen und liefert die Fernsehbilder. Auf diese „Arbeitsteilung“
einigten sich ARD-Hierarchen in einer „Krisensitzung“, weil es offenbar Klärungsbedarf
über die seltsame Personalführung gab. Gegenüber CUT
sagte SWR-Fernsehdirektor Christof Schmid Ende vergangenen Jahres, man stehe
mit dem ZDF in Kontakt, „um einen Wettlauf, der Mitarbeiter gefährden könnte,
zu vermeiden.“ Welche Mitarbeiter waren
damit gemeint? Die Festangestellten? Beim Wettlauf um Präsenz in Bagdad
jedenfalls griff der SWR gerne auf den Freien Stephan Kloss zurück, der
dadurch die bislang wohl schnellste Korrespondentenkarriere der ARD machte.
Welches Verständnis von Verantwortung haben die Chefs in Deutschland, wenn
sie am Ende einen ihnen völlig unbekannten Mann einsetzen, von dem sie nicht
wissen können, ob er sich selbst und andere in Gefahr bringt? Für Antworten
auf solche Fragen stehen weder Immo Vogel, noch Christof Schmid zur Verfügung.
Auch Patrick Leclercq nicht, der zurzeit noch Zweiter Chefredakteur bei
ARD-aktuell ist und nach dem Krieg auf Immo Vogel als Auslandschef beim SWR
folgt. Giftschrank. Geradezu zynisch hört
sich der Satz des Vogel-Stellvertreters und „Irak-Krisen-Koordinators“
Ingolf Efler an, der dem tagesspiegel
vom Bürosessel aus sagt, die beiden freien Mitarbeiter im Irak sähen die
Chance, „jetzt groß raus zu kommen“. Hans Leyendecker griff diese Aussage
in der Süddeutschen Zeitung auf:
„Macht ein 60-Jähriger seine Arbeit, um noch groß raus zu kommen?“ Christoph Maria Fröhder
(60) war in vielen Krisen- und Kriegsgebieten. Nicht nur für die Reportagen
von dort wurde er vielfach ausgezeichnet. Er muss nicht mehr „groß
rauskommen“, er ist bereits da. Immer offener schimpfen inzwischen
Korrespondenten und Magazin- Redakteure im großen System ARD über unhaltbare
Zustände, beispielsweise über den „Giftschrankerlass“ des SWR: „Es war
über Wochen nicht möglich, an Archiv-Material vom SWR zu kommen“, erzählt
ein Mitarbeiter eines anderen Senders, der wie viele andere nicht namentlich
genannt sein möchte. Er benötigte Schnittbilder für einen
Hintergrundbericht: „Der SWR hat nun mal das meiste Material aus der
Golfregion. Aber alle Features waren gesperrt.“ Das Material brauchte der
SWR ganz für sich alleine. Gleichzeitig klagen Redakteure, zu viele Kollegen
seien für die Irak-Berichterstattung aus Stuttgart abgestellt, andere Arbeit
bliebe liegen. Die allerdings, die sich gerne hätten abstellen lassen –
auch in den Irak selbst –, die durften nicht, weil sie nicht den richtigen
Stallgeruch hatten. Hintergrund Die ARD lobt sich selbst,
dass sie neben der BBC über das größte Korrespondentennetz der Welt verfügt.
Doch die BBC versteht sich worldwide, die ARD pflegt ihre Fürstentümer: Aus
Istanbul ist der BR für die Türkei, Zypern, Iran und den Nordirak zuständig.
Außerdem gibt es ein Büro in Tel Aviv. Der WDR thront in Moskau über die Länder
Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan, Russland, Turkmenistan,
Usbekistan und ist für Nordafrika in Äthiopien, Djibouti und Somalia zuständig.
Der SWR in Kairo soll aus Ägypten, Katar, Kuwait, Irak, Jemen, Jordanien,
Oman, Saudi-Arabien, Sudan, Syrien, den VAE berichten. Der mdr ist in Neu
Delhi (Indien) stationiert und beobachtet von dort Pakistan und Afghanistan.
Die meisten Studios sind gemischte TV/HF-Studios, nur in Amman besteht ein
reines Hörfunkstudio.
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